Der Raum von Sarah

Und dann fragte ich mein Herz:
Was brauchst du?

Und es antwortete mir:
Frieden.


Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind mit meinen Eltern an einem obdachlosen Mann vorbei ging. Ich blieb stehen und sagte: "Wir können doch nicht einfach so weiter gehen, wir müssen ihm doch helfen!" 

Schon damals nahm ich die Not und die Gefühle anderer Menschen sehr fein wahr. Es berührte mich, wenn jemand litt und es fiel mir schwer einfach weiterzugehen, wenn ich das Gefühl hatte, dass ein Mensch Hilfe brauchte.

Diese Begegnung ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Vielleicht, weil ich schon damals spürte, dass etwas in dieser Welt nicht stimmt. Dass wir uns an Dinge gewöhnen können, die eigentlich nicht selbstverständlich sein sollten: Das Leid anderer Menschen zu sehen und trotzdem weiterzugehen.


Wie viele Menschen habe auch ich Erfahrungen gemacht, die mich geprägt und Spuren in mir hinterlassen haben. Sie haben meinen Blick auf die Welt beeinflusst, meine Empathie geschärft und mein Verständnis für menschliche Verletzlichkeit wachsen lassen. Gleichzeitig haben sie mich gelehrt, früh selbstständig zu sein, Verantwortung zu übernehmen und oft über meine eigenen Grenzen hinauszugehen. Ich lernte, mich anzupassen, Erwartungen zu erfüllen und mich an dem zu orientieren, was in unserer Gesellschaft als erfolgreiches Leben gilt.

Ich machte eine Ausbildung, studierte und fand schließlich eine gut bezahlte Anstellung in einem Unternehmen. Schritt für Schritt baute ich mir ein Leben auf, das von außen betrachtet vieles von dem erfüllte, was man sich unter einem guten Leben vorstellt. Und auch ich dachte, dass genau darin der Weg zum Glück liegt. Doch irgendwo in mir blieb eine leise Frage zurück: Ist das wirklich alles? Ist es das, was mich glücklich macht?


Irgenetwas sehnte sich nach mehr Echtheit. Nach einem Leben, das sich nicht nur richtig anfühlte, sondern auch wirklich nach mir.

In dieser Phase der Neuorientierung stieß ich auf einen Zeitungsartikel über die meditative Yogaausbildung. Ich wusste kaum etwas über diese Form des Yoga. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde oder was wir dort eigentlich machen. Und doch war da in mir sofort dieser Ruf: Das möchte ich machen! Es war ein tiefes inneres Wissen, das sich kaum in Worte fassen ließ. Ich wusste einfach, dass ich diesen Weg gehen wollte, noch bevor ich wirklich verstehen konnte, wohin er mich führen würde.

Ich lernte in den drei Jahren meinen Körper (wieder) kennen. Ich erinnere mich an eine Meditation, in der ich plötzlich meine eigene Hand bewusst wahrnahm. Ich konnte sie spüren und dachte erstaunt: Wow, das ist meine Hand. Ich kann sie tatsächlich spüren, sie gehört zu mir. Es klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit. Für mich war es ein besonderer Moment des Wieder-in-Kontakt-Kommens mit mir selbst.

In vielen Meditationen begegnete ich auch meinem Inneren, häufig in der Gestalt eines kleinen Kindes.

Ich begann meinem Inneren und meinem Körper, der so viel erlebt und erfahren hatte, etwas zurückzugeben, das lange zu kurz gekommen war: Fürsorge, Liebe und Geborgenheit. Und mit der Zeit durfte auch wieder mehr Raum entstehen für Freude, Glück, Dankbarkeit, Kreativität, Ganzheit und Frieden.

Ich entdeckte, dass Frieden nicht unbedingt davon abhängt, dass im Außen alles so ist, wie wir es uns wünschen. Dass es auch in uns entstehen kann, selbst wenn wir schwierige Erfahrungen machen und nicht alles in unserem Leben ungeschehen machen können.

Dieser Gedanke berührt mich bis heute. Denn wenn es mir möglich ist, trotz meiner Geschichte einen solchen Frieden in mir zu entdecken, dann möchte ich auch anderen Menschen die Möglichkeit eröffnen, sich selbst auf diese Weise zu begegnen. Nicht, indem ich ihnen sage, wie sie zu leben haben. Sondern indem ich Räume schaffe, in denen sie innehalten, sich selbst wieder spüren und sich mit dem verbinden können, was in ihnen lebendig ist.

Schon nach dem ersten Jahr meiner Ausbildung spürte ich den Wunsch, diese Erfahrung weiterzugeben. Obwohl ich die dreijährige Ausbildung noch nicht abgeschlossen hatte, begann ich, erste Übungsgruppen in meinem Wohnzimmer anzubieten. Daraus entwickelten sich mit der Zeit ganz natürlich meine meditativen Yogakurse. Es fanden immer mehr Menschen ihren Weg zu mir.

Nach meiner Ausbildung widmete ich mich weiteren Themen der persönlichen Entwicklung- von der Arbeit mit dem inneren Kind und Schöpferbewusstsein bis hin zu Methoden der körperlichen Co-Regulation.

Im Jahr 2025 begann ich schließlich, eigene Tagesretreats anzubieten. Und aus einem Retreat entwickelte sich etwas, das mir besonders am Herzen liegt: die Frauenkreise.

Im Jahr 2026 begann ich, sie regelmäßig anzubieten- als Räume für Verbindung, ehrlichen Austausch und gelebte Schwesternschaft.

Ich bin ein feinfühliger Mensch. Ich nehme vieles wahr, spüre Stimmungen und lasse mich von dem berühren, was andere Menschen bewegt. Diese Sensibilität empfinde ich als Geschenk. Sie ermöglicht mir, Menschen mit Offenheit und Empathie zu begegnen und auch das wahrzunehmen, was manchmal unausgesprochen bleibt.

Gleichzeitig fordert sie mich heraus. Denn wer viel im Außen wahrnimmt, darf immer wieder lernen, auch nach innen zu lauschen. Die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, Grenzen zu setzen und sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren, während man für andere da ist. Auch das ist ein Weg, auf dem ich mich immernoch übe.

Ich glaube nicht, dass Frieden bedeutet, irgendwann vollkommen mit sich im Reinen zu sein. Für mich bedeutet Frieden vielmehr, mich auch in meiner Unvollkommenheit annehmen zu können. Mich nicht länger dafür zu verurteilen, dass ich noch lerne, noch zweifle oder manchmal in alte Muster zurückfalle. Sondern mir selbst mit derselben Empathie zu begegnen, die ich auch anderen entgegenbringe.

Ich freue mich auf alles, was noch vor mir liegt und auf die Menschen denen ich auf diesem Weg begegnen darf.

Sarah